Wie Luther die Schule veränderte
Dass so viele Schulen nach Martin Luther heißen, ist kein Zufall. Der Reformator forderte schon 1524 Schulen in jeder Stadt – für Jungen und Mädchen, bezahlt von der Obrigkeit. Mit seinen Mitstreitern legte er damit Grundsteine für das Schulwesen, das wir heute kennen.
Luther selbst: ein gründlicher Schüler
Luther wusste, wovon er sprach. Er besuchte ab etwa 1490 die Lateinschule in Mansfeld, wo vor allem Grammatik gepaukt wurde, ging 1497 für ein Jahr nach Magdeburg und von 1498 bis 1501 an die Pfarrschule St. Georgen in Eisenach. Dort lernte er, fließend Latein zu sprechen und zu schreiben.1 1501 schrieb er sich an der Universität Erfurt ein und schloss 1505 als Zweitbester seines Jahrgangs den Magister ab.1
1524: Ein Brief an alle Städte
Mit der Reformation brach das alte Bildungssystem ein. Viele Eltern sahen keinen Sinn mehr darin, ihre Kinder lernen zu lassen, wenn daraus keine Laufbahn in der Kirche mehr folgte. Luther reagierte 1524 mit der Schrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“.2
Seine Argumente sind erstaunlich modern. Die Städte, schreibt er sinngemäß, geben viel Geld für Waffen, Wege und Dämme aus – da sollte ein Schulmeister erst recht drin sein. Der größte Reichtum einer Stadt seien nicht Mauern und Schätze, sondern gebildete Bürger.2 Schulen sollte es für Jungen und für Mädchen geben, für alle Stände; ein bis zwei Stunden am Tag sollten genügen, damit die Kinder daneben ein Handwerk lernen oder im Haus helfen konnten.34
„Die Sprachen sind die Scheiden, darin dies Messer des Geistes steckt.“Martin Luther, 1524 – über Hebräisch, Griechisch und Latein
Dazu forderte er den Unterricht in den alten Sprachen, um die Bibel selbst lesen und auslegen zu können, außerdem Geschichte, Mathematik und Musik – und gut ausgestattete Stadtbibliotheken.56 Eine allgemeine Schulpflicht verlangte er noch nicht ausdrücklich, aber die Idee flächendeckender Schulen war in der Welt.3
Die Schrift wirkte: Gotha gründete noch 1524 eine Stadtschule, Worms 1527 eine städtische Lateinschule. Das Wormser Exemplar der Schrift gehört heute zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.46
1529 und 1530: Katechismus und Predigt
1529 erschien Luthers Kleiner Katechismus, ein knappes Lehrbuch in Frage und Antwort zu Zehn Geboten, Glaubensbekenntnis und Vaterunser. Er war für Pfarrer und Familien gedacht, wurde als Plakat für Schulstuben gedruckt und von Generationen auswendig gelernt.78
Ein Jahr später legte Luther nach: In der „Predigt, dass man Kinder zur Schule halten solle“ wandte er sich direkt an Eltern, die ihre Kinder lieber arbeiten ließen. Kinder gehörten nicht allein den Eltern, wer ein begabtes Kind vom Lernen abhalte, mache sich schuldig – und Kirche wie Gemeinwesen bräuchten gebildeten Nachwuchs, auch aus einfachen Familien.9
Melanchthon, der „Lehrer Deutschlands“
Was Luther forderte, setzte vor allem sein Kollege Philipp Melanchthon um. Sein „Unterricht der Visitatoren“ von 1528 enthielt einen Plan für den Schulunterricht, den Kursachsen zum Gesetz machte – die Encyclopaedia Britannica nennt das das erste öffentliche Schulsystem.10 Melanchthon teilte die Schüler in Leistungsstufen ein, sogenannte „Haufen“; aufsteigen durfte erst, wer das Ziel erreicht hatte.11
Er half bei Schulgründungen in Magdeburg (1524), Eisleben (1525) und Nürnberg (1526) und schrieb eine griechische Grammatik, die über 40 Auflagen erlebte.11 Schon im 16. Jahrhundert nannte man ihn „Praeceptor Germaniae“, den Lehrer Deutschlands.11 Kein Wunder, dass er heute selbst Namensgeber vieler Schulen ist.
Bugenhagen und die ersten Mädchenschulen
Im Norden schrieb Johannes Bugenhagen das Schulwesen gleich in die Kirchenordnungen hinein, die er für Braunschweig, Hamburg, Lübeck und andere Städte verfasste. Hamburg verpflichtete sich 1529 zu „guten Schulen“, das Johanneum öffnete im selben Jahr.12 Bemerkenswert: Bugenhagens Ordnungen sahen auch Mädchenschulen vor, in denen Mädchen lesen lernen sollten; in Wittenberg kamen auf Luthers Empfehlung Schreiben und Rechnen dazu.12
Der lange Weg zur Schulpflicht
Von Luthers Aufruf bis zur Schulpflicht für alle dauerte es Generationen. Württemberg schrieb 1559 in seiner Großen Kirchenordnung eine Schulpflicht für Jungen fest, für alle Kinder erst 1649.1314 Als erstes Territorium führte Pfalz-Zweibrücken 1592 die Schulpflicht für Mädchen und Jungen ein; es folgten unter anderem Hessen (1634) und Sachsen-Gotha (1642), wo Herzog Ernst der Fromme sogar Jahrgangsklassen einführte.1415 Preußen zog 1717 nach.14
Hat es etwas gebracht?
Ökonomen haben versucht, den Effekt der Reformation zu messen. Sascha Becker und Ludger Wößmann fanden in Daten aus Preußen, dass protestantische Kreise im 19. Jahrhundert gebildeter und wohlhabender waren – und dass vor allem die Bildung den Unterschied erklärt.16 In einer weiteren Studie zeigten sie, dass der Bildungsabstand zwischen Mädchen und Jungen dort kleiner war, wo mehr Protestanten lebten.17
Unumstritten ist das nicht. Andere Forscher kritisieren die Methode und finden nur sehr kleine oder gar keine Effekte; die Unterschiede hätten auch andere Ursachen.1819 Fair zusammengefasst: Die Reformation hat den Bildungsgedanken nachweislich angestoßen. Wie groß ihre messbare Langzeitwirkung war, ist in der Forschung offen.
Darum tragen Schulen seinen Namen
Wenn eine Schule heute „Martin-Luther-Schule“ heißt, erinnert sie also nicht nur an den Mann der 95 Thesen, sondern auch an einen der frühen Fürsprecher öffentlicher Schulen für alle Kinder. Welche Schulen das sind, zeigt unser Verzeichnis mit Karte – und warum sie so ungleich verteilt sind, erklärt der Artikel Warum es im Süden kaum Luther-Schulen gibt.
Quellen
- Wikipedia: Martin Luther
- Luther: An die Ratsherren (Textausgabe, Universität Wien)
- evangelisch.de: Chancengleichheit der Bildung (2018)
- Stadt Worms: Die Ratsherrenschrift
- STH Basel: Luther und die christlichen Schulen
- Universität Erfurt: Neuedition der Ratsherrenschrift (2023)
- die-bibel.de (WiBiLex): Katechismus
- Wikipedia: Luther's Small Catechism
- German History Intersections: Luther, Predigt, dass man Kinder zur Schule halten solle (1530)
- Encyclopaedia Britannica: Unterricht der Visitatoren
- Wikipedia: Philipp Melanchthon
- Wikipedia: Johannes Bugenhagen
- museum-digital: Große Kirchenordnung Württemberg 1559
- Wikipedia: Schulpflicht (Deutschland)
- Wikipedia: Ernest I, Duke of Saxe-Gotha
- DIW: Becker & Woessmann, Was Weber Wrong? (2009)
- ifo/CESifo: Becker & Woessmann, Luther and the Girls (2008)
- CESifo Working Paper 6646: Jeremy Edwards (2017)
- VoxEU: Kersting, Wohnsiedler & Wolf, Weber revisited