Warum es im Süden kaum Luther-Schulen gibt
47 Schulen in Deutschland tragen Luthers Namen. Fast alle liegen in einem breiten Streifen zwischen Rhein und Elbe – im Süden und an der Küste sucht man sie beinahe vergeblich. Das hat mit Konfessionen zu tun, mit Landesrecht und damit, dass jede Region ihren eigenen Reformator hat.
Wer die Luther-Schulen auf eine Karte setzt, sieht ein klares Muster: eine dichte Wolke in Nordrhein-Westfalen, eine zweite rund um Harz, Thüringer Wald und Erzgebirge – und große leere Flächen in Bayern, Baden-Württemberg und im ganzen Norden. In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland haben wir keine einzige gefunden, in Schleswig-Holstein genau eine.
| Bundesland | Gymnasien | andere Schulen | gesamt |
|---|---|---|---|
| Nordrhein-Westfalen | – | 17 | 17 |
| Thüringen | 1 | 7 | 8 |
| Sachsen-Anhalt | 2 | 3 | 5 |
| Hessen | 2 | 2 | 4 |
| Niedersachsen | 1 | 2 | 3 |
| Sachsen | 2 | 1 | 3 |
| Baden-Württemberg | – | 2 | 2 |
| Bayern | – | 2 | 2 |
| Rheinland-Pfalz | – | 2 | 2 |
| Schleswig-Holstein | – | 1 | 1 |
| Berlin | – | – | – |
| Brandenburg | – | – | – |
| Bremen | – | – | – |
| Hamburg | – | – | – |
| Mecklenburg-Vorpommern | – | – | – |
| Saarland | – | – | – |
Dafür gibt es nicht die eine Erklärung, sondern mehrere, die sich überlagern.
1. Im Lutherland ehrt man den Mann von nebenan
Fünf der acht Luther-Gymnasien liegen in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen – dort, wo Luther geboren wurde, zur Schule ging, studierte, predigte und starb. Eisleben, Mansfeld, Eisenach, Erfurt und Wittenberg sind Stationen seines Lebens; die Gedenkstätten in Eisleben und Wittenberg gehören seit 1996 zum UNESCO-Welterbe.1 Für eine Schule in dieser Region ist Luther kein ferner Kirchenmann, sondern eine Figur der eigenen Ortsgeschichte.
Dass diese Namen erst nach 1990 auf so viele Schilder kamen, hat mit der DDR zu tun. Lange galt Luther dort als „Fürstenknecht“, der die Bauern verraten habe. Ende der 1970er-Jahre schwenkte die SED um: Zum 500. Geburtstag 1983 gründete sie ein staatliches Martin-Luther-Komitee unter dem Vorsitz von Erich Honecker, ließ Lutherstätten restaurieren und erklärte den Reformator zu einer der großen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte.23 Luther war damit auch im Osten offiziell rehabilitiert.
Nach der Wende verschwanden dann die sozialistischen Schulnamen. In Ost-Berlin wurden 1990 sämtliche Schulnamen gestrichen, Schulen konnten ab 1991 neue beantragen.4 Auch in Thüringen wurden Anfang der 1990er Namen mit DDR-Bezug abgelegt.5 In Hartha etwa wurde die bisherige Julius-Fučík-Oberschule 1992 zum Martin-Luther-Gymnasium. Gleichzeitig entstanden viele neue evangelische Schulen: In Ostdeutschland stieg ihre Zahl zwischen 1999 und 2007 von 180 auf 304.6 Dass Luther in dieser Phase ein naheliegender Name war – regional verankert und politisch unbelastet –, ist eine plausible Deutung; eine Studie, die das systematisch belegt, haben wir nicht gefunden.
2. Der Sonderfall NRW: Luther an der Grundschule
Dass ausgerechnet Nordrhein-Westfalen die meisten Luther-Schulen hat, überrascht zunächst. Die Erklärung steht in der Landesverfassung: Nach Artikel 12 gibt es in NRW neben Gemeinschaftsgrundschulen auch öffentliche Bekenntnisgrundschulen, die auf Antrag der Eltern eingerichtet werden und nach den Grundsätzen ihres Bekenntnisses unterrichten.7
Fast überall sonst in Deutschland wurden solche staatlichen Konfessionsschulen in den 1960er-Jahren in Gemeinschaftsschulen umgewandelt. Nur NRW und Niedersachsen haben sie behalten.89 Im Schuljahr 2021/22 war fast jede dritte Grundschule in NRW konfessionell – rund 800 katholische und 89 evangelische.9 Viele der evangelischen tragen einen Namen aus der eigenen Tradition, und da liegt Luther nahe. Fast alle NRW-Einträge in unserem Verzeichnis sind solche evangelischen Grundschulen, von Düsseldorf über Münster bis Paderborn.
In Niedersachsen gibt es das Modell zwar auch, aber fast nur für katholische Schulen: 2021/22 standen 103 katholischen gerade einmal 3 evangelische Bekenntnisgrundschulen gegenüber.9
3. Bayern: katholisch – mit Ausnahme von Franken
Der einfachste Grund für die Lücke im Süden ist die Konfession. Bayern ist bis heute überwiegend katholisch geprägt: 1987 waren rund zwei Drittel der Einwohner katholisch und knapp ein Viertel evangelisch.11 Katholische Schulen tragen eher Namen von Heiligen oder Ordensleuten als den des Reformators.
Die Ausnahme sind Mittel- und Oberfranken. In Mittelfranken gibt es bis heute mehr Evangelische als Katholiken, in Oberfranken halten sie sich die Waage.11 Genau dort liegen auch unsere beiden bayerischen Treffer, Nürnberg und Coburg – wobei Coburg erst seit 1920 zu Bayern gehört und kulturell aus der sächsisch-thüringischen Tradition kommt.12
Aber selbst im evangelischen Franken heißen die großen Traditionsschulen selten nach Luther. Nürnberg wurde 1525 lutherisch; schon im Mai 1526 eröffnete Philipp Melanchthon dort eine neue humanistische Schule, die heute seinen Namen trägt – offiziell allerdings erst seit 1933.1314 Das Casimirianum in Coburg und das Christian-Ernestinum in Bayreuth sind nach den Landesherren benannt, die sie gestiftet haben.1516 In Franken ehrte man also eher den eigenen Fürsten oder Melanchthon als Luther selbst.
4. Baden-Württemberg: Hier heißen sie Brenz und Melanchthon
Württemberg ist seit 1534 evangelisch – und hatte seinen eigenen Reformator. Herzog Ulrich holte Johannes Brenz ins Land, der die Reformation einführte, die Universität Tübingen neu ordnete und mit der Großen Kirchenordnung von 1559 das Kirchen- und Schulwesen des ganzen Landes regelte.17 Schon 1556 entstanden evangelische Klosterschulen wie Maulbronn und Blaubeuren, die bis heute bestehen.18
Dazu kommt Melanchthon, der in Bretten geboren wurde; das Melanchthonhaus dort ist nach dem Lutherhaus in Wittenberg die zweitgrößte Reformationsgedenkstätte Deutschlands.19 Baden selbst war konfessionell gespalten – lutherisch, katholisch und reformiert – und hat erst 1821 eine gemeinsame evangelische Kirche bekommen.20 Bei den Schulnamen im Land liegen ohnehin andere vorn: Schiller führt mit 53 Schulen, gefolgt von Pestalozzi und Albert Schweitzer.21
5. Der Norden: das Land Bugenhagens
An der Küste war es nicht Luther, sondern sein Wittenberger Kollege Johannes Bugenhagen, der die Reformation organisierte. Er schrieb die Kirchenordnungen für Braunschweig (1528), Hamburg (1529), Lübeck (1531), Pommern (1535), Dänemark (1537) und Schleswig-Holstein (1542) – und darin jeweils auch Regeln für Schulen.22 In Hamburg eröffnete er 1529 das Johanneum, die älteste Schule der Stadt.23
Der Effekt ist bis heute messbar: Laut einer Auswertung der Universität Gießen ist Bugenhagen in Hamburg der häufigste Schulnamensgeber überhaupt.24 Die einzige Luther-Schule an der Küste, die wir gefunden haben, ist eine Grundschule in Lübeck.29 Bremen wiederum wandte sich Ende des 16. Jahrhunderts der reformierten Richtung zu, in der Luther eine kleinere Rolle spielt.25 Und in Berlin und Brandenburg findet man zwar keine Luther-, aber gleich mehrere Melanchthon-Gymnasien – etwa in Berlin, Grünheide und Herzberg.14
Schulen heißen nach Menschen aus der Nähe
Hinter all dem steckt ein allgemeines Muster. Die Gießener Studie hat 2025 erstmals rund 30.500 Schulen in ganz Deutschland ausgewertet: Etwa 40 Prozent tragen den Namen einer Person, insgesamt über 4.300 verschiedene. Bundesweit vorn liegen Montessori, Pestalozzi und die Geschwister Scholl.2426 Spannender sind die regionalen Spitzenreiter: Martin von Tours in Rheinland-Pfalz, Fritz Reuter in Mecklenburg-Vorpommern, Bugenhagen in Hamburg.24 Schulen wählen gern Menschen, die mit ihrer Gegend verbunden sind – und Luther ist eben vor allem in Mitteldeutschland zu Hause.
Und Luthers Schattenseite?
Luthers späte, scharf judenfeindliche Schriften sind bekannt, und die evangelische Kirche hat sich 2015 ausdrücklich davon distanziert.27 Bei Straßennamen wird darüber gestritten: Ein Dossier für den Berliner Antisemitismusbeauftragten empfahl 2021, die Martin-Luther-Straße umzubenennen oder mit einer Erläuterung zu versehen; der Kultursenator lehnte eine Umbenennung ab.28 Einen Fall, in dem eine Schule wegen Luthers Antisemitismus ihren Namen geändert hat, haben wir nicht gefunden. Für die geringe Zahl im Süden und Norden spielt diese Debatte also keine erkennbare Rolle – sie erklärt sich aus der Geschichte.
Fazit
Luther-Schulen gibt es vor allem dort, wo Luther selbst gelebt hat, und dort, wo das Landesrecht evangelische Grundschulen vorsieht. Im katholischen Süden fehlt der Anlass, im evangelischen Württemberg und an der Küste hat man eigene Reformatoren – Brenz, Melanchthon und Bugenhagen. Die Karte der Luther-Schulen ist damit auch eine kleine Karte der Reformationsgeschichte.
Quellen
- Luthermuseen: 30 Jahre UNESCO-Welterbe (Pressemitteilung, 2026)
- Peter Maser: Lutherfeiern 1983 und 2017 (EKD)
- Wolfgang Jacobmeyer: Luther und die Reformation in den Geschichtsbüchern der DDR und der Bundesrepublik (APuZ 1983)
- Catherine Plum: Contested Namesakes (History of Education Quarterly, 2005)
- Lernen aus der Geschichte: Ein Name verpflichtet (2009)
- evangelisch.de: Zahl evangelischer Schulen gestiegen (2009)
- Landesverfassung NRW, Art. 12
- LTO: Religionsunterricht und Bekenntnisschule (2013)
- die-bibel.de (WiBiLex): Bekenntnisschule
- GV. NRW. 2015 S. 309 (11. Schulrechtsänderungsgesetz)
- Bayerisches Landesamt für Statistik: Kirchliche Verhältnisse (Jahrbuch 2025)
- Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns: 100 Jahre Coburg bei Bayern
- Sonntagsblatt: 500 Jahre Nürnberger Religionsgespräch
- Wikipedia: Melanchthon-Gymnasium (Nürnberg und Begriffsklärung)
- Wikipedia: Gymnasium Casimirianum
- Wikipedia: Gymnasium Christian-Ernestinum
- Deutsche Biographie: Johannes Brenz
- Wikipedia: Evangelical Seminaries of Maulbronn and Blaubeuren
- evangelisch.de: Melanchthonhaus Bretten (2010)
- Badische Landesbibliothek: Evangelische Landeskirche in Baden
- Stuttgarter Zeitung: Namensgeber für Schulen im Land (2019)
- Wikipedia: Johannes Bugenhagen
- Wikipedia: Johanneum Gymnasium
- Justus-Liebig-Universität Gießen: Studie zu Schulnamen (2025)
- Wikipedia: Bremische Evangelische Kirche
- evangelisch.de: Studie zu Schulnamen – Montessori vor Pestalozzi (2025)
- evangelisch.de: EKD-Synode distanziert sich von Luthers Judenfeindschaft (2015)
- Jüdische Allgemeine: Kultursenator gegen Umbenennung der Martin-Luther-Straße (2022)
- Luther-Schule Lübeck (Schulwebsite)